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Friedensinstrumente gegen Verfeindung

03. Mrz 2026

pax christi-Kommission Friedenspolitik für mutige europäische Initiativen aus Anlass von 4 Jahren Krieg in der Ukraine

Am 24. Februar jährte sich der Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine zum vierten Mal. Die vier Jahre seit dieser „Zeitenwende“ 2022 haben, während der Krieg ungehindert weiterläuft und mit bald 2 Millionen Toten und Verletzten gerechnet wird, politische Veränderungen hervorgebracht, die noch vor Kurzem nicht vorstellbar waren. Unsere europäischen Volkswirtschaften haben in einer unerhörten Beschleunigung Rüstungssteigerungen im Ausmaß von hunderten Milliarden Euro für sich beschlossen, die NATO hat sich um Schweden und Finnland erweitert und ist dabei, ihr Ziel von 5 Prozent Militärausgaben des Bruttoinlandsprodukts je Mitgliedstaat anstandslos erfüllt zu bekommen. Dazu kommt die Verunsicherung durch das neue Irrlichtern der USA unter Trump. China, Indien und die Länder des globalen Südens stellen sich in der Bewertung des Ukraine-Kriegs und des 2023 dazugekommenen Gaza-Kriegs gegen das Völkerrechtsverständnis des Westens. Die Rede von neuer Machtpolitik, von bedrohter Sicherheit und von einem in nur wenigen Jahren zu erwartenden großen Krieg liegt in der Luft. 

Der Historiker Sebastian Haffner hat einmal, in seinem Buch „Die sieben Todsünden des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg“ das erschreckende Phänomen beschrieben, wie sich in der kurzen Zeit zwischen 1905 und 1912 die Beziehungen zwischen den europäischen Staaten von einer langjährigen Friedenspolitik in eine klare Kriegspolitik verwandelten. Damit stürzte sich der Kontinent sehenden Auges in die Katastrophe des 1. Weltkriegs. In einer ähnlichen Situation scheinen wir uns heute wiederzufinden. In kürzester Zeit hat sich eine gegenseitige Verfeindung Bahn gebrochen, die das reale Potenzial zu jederzeitiger Eskalation hat. Das Argument, ich muss aufrüsten, weil ich mich verteidigen können muss, ist eine der ältesten Entschuldigungen, um die Irrationalität des eigenen Handelns und Mittragens von Entscheidungen nicht hinterfragen zu müssen. 

Aufrüstung der einen Seite verursacht zwangsläufig neue Gegenrüstung der anderen, die Rüstungsspirale beginnt sich zu drehen. Rüstungsproduktion zieht die Aufmerksamkeit der Gegenseite und als sehr wahrscheinliche Konsequenz irgendwann die Zerstörung auf sich. Rüstung heute bewegt sich in den Feldern Kommunikationstechnik und Entwicklung autonomer Waffensysteme. An unseren Hochschulen wird unter Umgehung der Zivilklausel an Waffentechnik geforscht.

Einmal, vor noch nicht langer Zeit, wendete sich eine gegenseitige Hochrüstung zum Positiven und brachte 1989 das Ende von Blockkonfrontation und Unrechtssystemen. Ergebnisse von Abrüstungsverhandlungen wurden umgesetzt, man sprach von Friedensdividende. Möglich wurde das alles, neben der Einsicht der politisch Verantwortlichen, durch eine in langen Jahren seit 1945 gewachsene und eingeübte Vielfalt von Konzepten und Erfahrungen aus der Bürgerrechtsbewegung, aus der von Gandhi inspirierten Gewaltfreiheitsbewegung, aus dem weltweiten ökumenischen Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Kirche und Umweltbewegung standen gemeinsam auf gegen die Stationierung von Atomraketen auf allen Seiten. Mit „Rüstzeug“, das wir auch heute in einer Zeit neuer Konfrontationen zur Verfügung haben, und dem es mutig und engagiert wieder mehr Geltung zu verschaffen gilt.  

Nicht von ungefähr fielen die erste Gründerzeit der Friedensbewegung und die Stiftung des Friedensnobelpreises in die Jahre vor dem 1. Weltkrieg, in denen auch die Verhetzung ganzer Nationen zu zwischenstaatlich erklärter Kriegspolitik ihren Ausgang nahm. Sie konnten den Krieg damals nicht verhindern. Noch fehlten die geeigneten Friedensinstrumente, mit denen der irgendwann ausweglos werdenden Verfeindung früh und entschlossen genug hätte entgegengearbeitet werden können. Dass es nur eine Generation später zum schrecklichen 2. Weltkrieg kam, war eine Folge des nicht bearbeiteten Konfliktpotenzials.

Die Menschheitsgemeinschaft half sich nach 1945 mit der Gründung der Vereinten Nationen und ihrer UN-Charta. Deutschland wurde mit dem Grundgesetz 1949 eine der weltweit vorbildlichsten Verfassungen gegeben. Beide schreiben die Verpflichtung fest, dem Frieden in der Welt zu dienen. Auch und erst recht die zivilgesellschaftliche, auf den oben genannten Konzepten und Erfahrungen basierende „Selbstermächtigung der Weltgemeinschaft zum Frieden“ lässt sich nicht mehr wegdiskutieren. Eine „Weltinnenpolitik“ und die Besiedlung von Gorbatschows „Einem Haus Europa“ sind die Ziele und die wahre Aufgabe, die mutig und engagiert verfolgt werden müssen. Davor braucht es aber in der jetzigen Situation Gesprächs- und Zuhörbereitschaft, ein hörendes Herz auf allen Seiten und viel mehr Diplomatie. Und weil es um unser europäisches Haus geht, viel mehr europäische und deutsche Initiative.